Anmerkungen von Professor Harald Vogel zur Advents- und Weihnachtsmusik am 15. Dezember 1957

Das Programm war sorgfältig vorbereitet und sollte die Möglichkeiten für eine anspruchsvolle Kirchenmusik mit lokalen Ausführenden zeigen. Es herrschte damals eine Aufbruchsstimmung, die auch eine Abgrenzung vom als „abgelaufen“ empfundenen romantischen Stil war. Neben einigen Beispielen aus der Periode zwischen der Reformationszeit und den Meisterwerken von Johann Sebastian Bach waren auch zeitgenössische Kompositionen zu hören, die sich allesamt an klassischen Vorbildern orientierten. Für die damaligen Zuhörer war die hier gebotene Musik weit entfernt von der damaligen Popularmusik. Kurz gesagt: Die Musik klang „neu“, unabhängig von ihrem Alter und ihrer Herkunft.

Die Ausführenden versuchten das Interesse der Zuhörer durch eine kurzweilige Mischung von historischen und zeitgenössischen Kompositionen zu gewinnen. Hans-Heinrich und Gottfried gehörten zur ungewöhnlichen Familie Holsten aus Otterstedt, die einen prägenden Einfluss auf ihre nähere und weitere Umgebung ausübte:

Der Vater war der geniale Erfinder Hinrich Holsten, der in Otterstedt eine Landmaschinenfabrik betrieb. Die Mutter war eine warmherzige und hochsensible Frau, die es sich nicht nehmen ließ, auch bei angespannter Beschäftigung in der Familie die Gäste großzügig zu bewirten.

Hans-Heinrich war der jüngste Bruder, der durch seinen jugendlichen Enthusiasmus und ein glückliches Organisationstalent den Bläser-Auswahlchor leitete und selbst Trompete spielte. Seine Motivation hatte eine wichtige Quelle in der christlich geprägten Familie, die als Abbild eines traditionellen Mittelpunktanspruchs eine starke Anziehungskraft hatte.

Der mittlere Bruder Christian hat diese Situation in unterhaltsamer Weise als (plattdeutscher) Schriftsteller dargestellt. Seine Erzählungen gehören zu den humorvollen Beschreibungen einer Welt, die 1957 noch allgemein präsent war. Ein Förderer von Christian war Heinrich Schmidt-Barrien, eine der führenden Figuren im literarischen Betrieb dieser Zeit. Er sagte: „Christian Holsten hat in genialer Weise die plattdeutsche Sprache neu belebt.“ Sein Band „De gesünne Karkenslaap“ liegt für mich griffbereit im Bücherregal neben meinem Frühstücksplatz.           

Gottfried war eine musikalische Hochbegabung. Er war lange Jahre Organist in Otterstedt und hat mir den ersten Notenband mit Orgelwerken von Johann Sebastian Bach geschenkt. Er war aber hauptsächlich ein geschätzter Oratoriensänger. Er gehörte zu den Spät-Kriegsteilnehmern und hat nur mit viel Glück als Fahnen-flüchtiger kurz vor Kriegsende sein Elternhaus erreicht. Diese Situation hat mich stark geprägt, denn auch in unserer Familie haben wir in den letzten Kriegswochen einen Fahnenflüchtigen aufgenommen.

Die Musik im Dezember 1957 war ein optimistisches kulturelles Zukunftsmodell. Sehr wichtig war auch die Abgrenzung von einer gescheiterten Vergangenheit. Die Beteiligten waren z. T. mit Mühe davongekommen. Das betraf auch einige Bläser im Posaunenchor, in dem ich ab 1954 mitgespielt habe. Die Musik im Dezember 1957 war eine Bündelung der lokalen Kräfte und für mich der Aufbruch in eine damals noch unübersehbare musikalische Zukunft.

September 2026                                                                               Harald Vogel